„Wir haben schon vielmal über Lebensberuf gesprochen, und daß es so schwer ist, seine Kräfte zu einer Zeit zu kennen, in welcher man ihnen ihre Richtung vorzeichnen, das heißt, einen Lebensweg wählen muß. Wir hatten bei unsern Gesprächen hauptsächlich die Kunst im Auge, aber auch von jeder andern Lebensbeschäftigung gilt dasselbe. Selten sind die Kräfte so groß, daß sie sich der Betrachtung aufdrängen und die Angehörigen eines jungen Menschen zur Ergreifung des rechten Gegenstandes für ihn führen, oder daß sie selber mit großer Gewalt ihren Gegenstand ergreifen. Ich hatte außer den Eigenschaften meines Geistes, die ich euch eben darlegte, noch eine besondere, deren Wesenheit ich erst sehr spät erkannte. Von Kindheit an hatte ich einen Trieb zur Hervorbringung von Dingen, die sinnlich wahrnehmbar sind. Bloße Beziehungen und Verhältnisse sowie die Abziehung von Begriffen hatten für mich wenig Wert, ich konnte sie in die Versammlung der Wesen meines Hauptes nicht einreihen. Da ich noch klein war, legte ich allerlei Dinge aneinander und gab dem so Entstandenen den Namen einer Ortschaft, den ich etwa zufällig öfter gehört hatte, oder ich bog eine Gerte, einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab ihr einen Namen, oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter, die Muhme; ja sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhältnissen, von denen ich sprach, gab ich Gestalten und konnte sie mir merken. So erinnere ich mich noch jetzt, daß ich als Kind öfter das Wort Kriegswerbung hörte. Wir bekamen damals einen neuen Ahorntisch, dessen Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander gehalten wurden. Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an der Dicke der Platte quer über die Fuge zum Vorscheine, und diese Gestalt hieß ich die Kriegswerbung.“
Adalbert Stifter: Der Nachsommer, darin: Die Mitteilung
Von Tomruen – English Wikipedia, original upload 5 November 2007 by Tomruen[1], Gemeinfrei, Link
Wer sich sechs Tage nach einem Neumond über den Neumond äußert, tut dies womöglich unter dem Einfluss des schon wieder zunehmenden Mondes im ersten Viertel. Ich sage „womöglich“, weil ich meine astrologischen Betrachtungen so weit wie möglich freihalten will von unreflektierten Annahmen, wie sie in vermeintlich harmlosen („metaphorisch gemeinten“) Formulierungen wie (typischerweise) der vom Einfluss der Planten auf unser Befinden und Verhalten zweifellos zum Ausdruck kommen. Man mag diese sprachliche Zurückhaltung als positivistische oder agnostizistische Beschränktheit verwerfen und stattdessen einem bedenkenlos kühnen Welterklärungsgestus, der auf ungeklärte Präsuppositionen keine Rücksicht nimmt, den Vorzug geben. Mir als Jungfrau mit Skorpion-Aszendent steht diese hemdsärmelige Variante der Realitätserschließung naturgemäß nicht zur Verfügung. Ich befinde mich damit im Einklang beispielsweise mit Thorwald Dethlefsen, der in „Schicksal als Chance“ im Kapitel über die Astrologie als Entsprechungslehre den „senkrechten“ (wie oben, so unten) Analogieschluss ins Zentrum der astrologischen Methodik rückt und apodiktisch erklärt: „Ein solches Denken […] hat mit Kausalität nicht das geringste zu tun.“
Rückblick im zweiten Achtel
Folgt man der Acht-Phasen-Einteilung des überaus lesenswerten Dane Rudhyar, dann endet die Neumond-Phase im durchschnittlich 29 Tage, 12 Stunden und 44 Minuten dauernden synodischen Mondzyklus („lunation cycle“) dreieinhalb Tage (plus viereinhalb Stunden und fünfeinhalb Minuten) nach Neumond. Da sich der letzte Neumond am 18. Januar um 20:52 Uhr MEZ ereignet hat, sind wir nach Rudhyar seit vorgestern (22. Januar 2026) 13:28 Uhr schon im zweiten Achtel (nach einer gröberen Einteilung noch im ersten Viertel) des Mondzyklus.
Nicht der Mond, sondern seine Beziehung zur Sonne verändert sich
Astrologisch wie astronomisch ist zu bemerken, dass die damit angesprochenen Mondphasen keine Wandlungsphasen des Mondes selbst reflektieren, sondern die kontinuierliche Veränderung der Beziehung zwischen Sonne und Mond durch eine künstlich erscheinende Gliederung begrifflich zu fassen suchen. Rudhyar: „The moon only reflects in her appearance to us the changes in the […] angular relationship of the moon to the sun with reference to the center of the earth.“ Die so oder so gekrümmten und mehr oder weniger breiten Sichel- und anderen Formen des Mondes korrespondieren mit messbaren Winkeln zwischen Sonne und Mond und dem Erdzentrum als deren Scheitelpunkt.
Der Neumond als Ausgangs-, End- und Null-Grad-Punkt
Über den Neumond, den eigentlichen Gegenstand dieses Beitrags, schreibt Rudhyar: „The rapidly moving moon not only changes its place in the sky but it changes its shape – to the extent that during a part of the cycle“, nämlich bei Neumond, „it vanishes entirely from sight“, denn: „the moon is lost in the brilliancy of the sun.“ Das primitive (männliche) Denken („primitive mind“) habe in früheren Zeiten eine Korrelation gesehen zwischen diesem rätselhaft unbeständigen Verhalten des Mondes (den man nicht als dreidimensionalen Körper, sondern als Licht ansah) und den nicht weniger rätselhaften Befindlichkeitsschwankungen der Frauen im Zusammenhang mit ihren sogenannten Gefühlen („which were very incomprehensible to men“). Bei der letztlich doch zuverlässigen Wiederkehr der unterschiedlichen lunaren und selenisch-weiblichen Formzustände markiert der Neumond den angenommenen Anfangs- und Endpunkt des Mondzyklus, in welchem Sonne und Mond in Konjunktion zueinander stehen, so dass einen quantitativ nicht bestimmbaren Moment lang gilt: „the distance in longitude between the two celestial bodies equals 0°.“
Bei Neumond hält das Schicksal den Atem an
Bei Neumond (punktuell verstanden) tritt, astrologisch gesehen, ein neues Konzept, ein neuer Plan und Impuls, ein neues Screenplay möglicher Handlungen (erst) auf die Bühne (und dann ins Rampenlicht) des individuellen und kollektiven Lebens, ohne dass das Neue als das, was es ist, bereits objektiv erkennbar wäre. Die Zeit des Handelns ist bei Neumond noch nicht gekommen. Der Protagonist des nächsten Aktes hat, von der Sonne hinter der Szene informiert und inspiriert, tief Luft geholt, jetzt hält er einen Moment lang den Atem an, der Vorhang öffnet sich und man darf gespannt sein, welche Aktion nun in Gang oder häufig auch nicht in Gang kommt, denn „mental hesitancy and a basic confusion of values sap the power to act or to build“, wie Rudhyar sagt.
More to come
„Human beings can be divided into types according to the symbolical meaning of the most important periods of the lunation cycle as well as according to that of the signs of the zodiac.“ Welche „most important periods“ des Mondzyklus Rudhyar im weiteren Verlauf seiner Überlegungen unterscheidet, kann in diesem (ohnehin schon zu lang geratenen) Blog-Beitrag nicht nachgezeichnet werden. Hier ging es mir primär darum, mit Dane Rudhyar einen ersten Blick (beziehungsweise Rückblick) auf den Neumond als astronomisches Ereignis zu werfen, bei dem es sich im engeren Sinn nicht um eine zeitlich begrenzbare Periode oder Phase, sondern um ein momentanes Nichts handelt, wobei dieses Nichts aus astrologischer Sicht eines ist, das es in sich hat.
Dane Rudhyar: The Lunation Cycle – A Key to the Understanding of Personality (1967) Thorwald Dethlefsen: Schicksal als Chance – Das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen (1979)
Es war einmal eine Göttin, deren steinernes Bildnis stand auf der Insel Samos oder auf einer anderen der vielen griechischen Inseln. Vielleicht auch in Syrakusai auf Sizilien oder irgendwo in Kleinasien. Und wenn die Ortsansässigen in Gleichnissen sprachen, dann wurde regelmäßig ihr Name genannt. Heute sieht sie sich in Gestalt ihres in Marmor gehauenen Ebenbildes in die Katakomben des Pariser Louvre versetzt. Sie steht dort seit einer musealen Ewigkeit in einer Reihe mit anderen Göttinnen und Halbgöttern. Jeder kennt hier jede, meist ist man miteinander verwandt, viele verband einst eine innige Feindschaft, die hier aber keine Rolle mehr spielt. Denn sie alle treten nur noch in einer einzigen Rolle auf, nämlich in der des historischen Kulturguts, das darauf wartet, restauriert oder ausgeliehen oder exhibiert zu werden. Missbrauch folgt auf Missbrauch. Es geht ihnen im Museum nicht viel anders als den Tieren der afrikanischen, arktischen oder sonst einer Wildnis in den Exponat-Gehegen der sogenannten Zoologischen Gärten. Freiheit, Ansehen, Anbetung und Würde – das war gestern. Heute ist Kultur.
Aus: Lothar Rumold: „Mythenlese – Ein mythographisches Sammelsurium“ weitere Leseproben hier
Vorgestern Abend, am 18. Januar 2026 gegen 21 Uhr MEZ, war Neumond. In der Zeit- oder Sonnenscheinzone, in der ich mich befinde, hätte man den Mond auch dann nicht sehen können, wenn man einen Neumond-Mond von der Erdoberfläche aus sehen könnte. Denn Neumond ist immer dann, wenn Sonne und Mond, geozentrisch betrachtet, nahe beieinander auf einer senkrecht zur Sonnenbahn stehenden Linie stehen. Und um 20:52 Uhr war die Sonne naturgemäß schon untergegangen, und ihr voran der Mond.
Auf den Aleuten aber?
Hätte man dagegen vorgestern kurz vor 12 Uhr Ortszeit (21 Uhr MEZ) in Akutan auf den westlich von Nordamerika gelegenen Aleuten bei (vorübergehend) klarem Himmel den Blick gen Mittag gerichtet, dann wäre der Mond am Ende des ausgestreckten Arms drei Finger breit unterhalb der Sonne zu sehen gewesen – wenn er zu sehen gewesen wäre, was aber trotz oder gerade wegen des hellen Sonnenlichts nicht möglich gewesen wäre. Warum Akutan? Weil ich nach einem Ort gesucht habe, an dem New Moon und High Noon am 18. Januar zusammengefallen sind. Und da hält sich das Angebot an möglichen Locations doch ziemlich in Grenzen. Akutan liegt übrigens auf der Höhe von Sylt.
Grau auf schwarzem Grund
Hätte, wäre, könnte. Eine bekannte Tatsache ist, dass wir den Mond nur dann sehen können, wenn er aus irdischer Perspektive ganz oder teilweise im Licht ist, also entweder von der Sonne direkt oder indirekt beleuchtet wird – indirekt dann, wenn ihn das von der Erde reflektierte Sonnenlicht trifft, was gerade bei Neumond (aus lunarer Sicht bei Vollerde) in besonderem Maße der Fall ist. Allerdings verhindert das helle Streulicht der Erdatmosphäre, dass wir die Mondoberfläche im indirekten Sonnenlicht (auf dem Mond kann man dann im Erdschein spazierengehen) wahrnehmen können. Das atmosphärische Streulicht überstrahlt das doppelt reflektierte Sonnenlicht. Außerhalb der Erdatmosphäre, also etwa in einer Raumstation, ist das anders. Wenn man dort bei Neumond die blendend helle Sonne oberhalb des Mondes abdeckt, tritt der Mond als graue Scheibe auf schwarzem Grund deutlich hervor.
Der nachfolgende Text entstand 2014/15 auf Anregung von Markus Jäger im Zusammenhang mit einem Kunstprojekt von Markus Jäger und ONUK Bernhard Schmitt. Näheres dazu bei Markus Jäger: ↗
„Alles Geschehen ist einmalig und nie sich wiederholend. Es trägt das Merkmal der Richtung (der „Zeit“), der Nichtumkehrbarkeit. Das Geschehene, als nunmehr Gewordnes dem Werden, als Erstarrtes dem Lebendigen entgegengesetzt, gehört unwiderruflich der Vergangenheit an.“
Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes
Über Recycling
Recycling könnte man allgemein bezeichnen als den Versuch, die von Oswald Spengler behauptete Nichtumkehrbarkeit der Geschehnisse zu relativieren, die Unwiderruflichkeit des Verdikts Aus-und-vorbei infrage zu stellen. Im Gegensatz zur Arithmetik der Antike, so Spengler weiter, kenne die abendländische Analysis die „Konzeption einer veränderlichen Zahl, die unterhalb jeder von Null verschiedenen endlichen Größe sich bewegt, selbst also nicht den geringsten Zug einer Größe mehr trägt.“ Dieser Grenzwert, der keinen bestimmten Wert mehr annimmt, ist gewissermaßen der Prozess der Annäherung selbst: „Er ist kein Zustand, sondern ein Verhalten.“ Mit dem Verhalten des Recycling hätte demnach ein Konzept der abendländischen Mathematik eine nicht-mathematische, alltäglich-profane Gestalt angenommen. Denn Recycling ist eher zuerst als zuletzt der Versuch des „Abendlandes“, nicht nur das eigene Untergehen im eigenen Müll, sondern letztlich den Nullpunkt der globalen Katastrophe bis zum Sankt Nimmerleinstag hinauszuzögern: Recycling ist das auf Dauer gestellte Noch-nicht-am-Ende-Sein.
Der recycelte Gegenstand ist Träger einer Substanz, die bei Strafe des „Untergangs des Abendlandes“ nicht vergehen darf. Der jeweils neue Phönix (Laubbläser, HD-Fernseher, Geländewagen), der sich aus der Asche der Plaste und Elaste, der Flaschen, Elektrogeräte und Printprodukte erhebt, verkörpert das Prinzip des ewigen Lebens seiner materiellen Grundlage: Recycling ist die Auferstehung des Fleisches der Produkte in Form neuer Produkte.
Das immer wieder neu Gewordene und zu neuer, anderer Form Vergegenständlichte ist zugleich das stets aufs Neue Tote. So haftet dem Wiederholungsvorgang – im Idealfall ad infinitum – zugleich ein Aspekt des Wiedergängerischen und Untoten an. Recycling realisiert das Paradox des lebendig Toten: Recycling ist Wiedergängertum im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit.
Durch die hoffentlich endlose Folge von Wiedergeburten der Artefakte wird, wie schon erwähnt, der Zeitpunkt des finalen perdu ad infinitum hinausgeschoben. Schlechte Zeiten für die Produktseele, die sich zum Buddhismus bekennt: Recycling ist Buddhismus minus Nirwana.
Wer über Recycling spricht, wird von Nachhaltigkeit nicht schweigen wollen. Nachhaltig sind Produkte dann, wenn ihren Produktionsbedingungen das Ideal des Perpetuum mobile zugrunde liegt. Recycling kann dabei helfen, das Ideal zu verwirklichen. Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns, dass wir in der Vergangenheit so vieles unwiederbringlich weggeworfen haben, anstatt es in den keineswegs teuflischen Zirkeln der Produktions-Konsumtions-Ketten endlos rotieren zu lassen. Aus Output wird Input wird Output wird Input. Wo einmal Abfallpolitik nötig war, ist nun der Zugang zu einer anderen Art von Rohstoff zu organisieren und zu regeln: Recycling ist Nachhaltigkeit ist Erlösung vom Übel der Mülldeponie.
Wenn schon der emaillierte Aschenbecher von 1913 „teils zum Schmuck und teils zum Rauchen“ (Kurt Tucholsky) gewesen ist, wie schmuck (schön) wird dann erst, abgesehen von seinem praktischen Nutzen, der recyclierte Schirmständer aus Sekundär- und Tertiärrohstoffen sein, der heute für kurze Zeit am Ende eines Systems von aufeinanderfolgenden und ineinandergreifenden Wiederverwertungsprozessen steht. Denn die ökopolitische Schönheit der Produkte aus nicht-primären Rohstoffen ist mittlerweile Common Sense: Recycling is beautiful.
Über Noncycling
Eine neue Gesteinsart, ein Konglomerat aus Plastik, vulkanischem Gestein, Sand, Muscheln und Korallen, wurde 2014 an der Küste von Hawaii entdeckt. Die kanadische Geologin Patricia Corcoran erfand, besser gesagt: konglomerierte dafür den Namen plastiglomerates. Man kann in jenen hybriden Klumpen offenbar die eingebackenen ehemaligen Zahnbürsten, Gabeln, Seile und noch manches mehr gut erkennen. Wenn die zivilisationsbedingten Bestandteile fürs erste unauflöslich mit den schwereren natürlichen Materialien verschmolzen sind, sinkt das neue Gestein auf den Meeresgrund, wird Teil der Erdgeschichte und hat somit gute Chancen, zukünftigen Forschern Rätsel aufzugeben.
Bevor sie auf dem Meeresgrund landeten, trieben die Plastikteile womöglich im Great Pacific Garbage Patch (Großer Pazifischer Müllfleck), den man vom hawaiianischen Midway-Atoll aus gut beobachten könnte, falls das US-Militär den Zugang gestatten würde. Insgesamt fünf große Meeresdriftströmungswirbel gibt es weltweit und man muss wohl annehmen, dass in jedem dieser Strudel einige hunderttausend der insgesamt acht Millionen Tonnen Kunststoffmüll mitbewegt, in Verbindung mit UV-Licht nach und nach pulverisiert und schließlich in die menschliche Nahrungskette eingegliedert werden. Zukünftige Anthropologen werden sich womöglich der Tatsache stellen müssen, dass der Mensch nicht nur im zivilisatorisch-kulturellen Sinn, sondern bis in die Feinstruktur seiner Physis hinein Resultat menschlichen Handelns ist. Die nicht erst jetzt problematisch gewordene Unterscheidung zwischen Natur und Kultur wird weiter an Überzeugungskraft verlieren.
Alles bewegt sich, alles dreht sich. Wo es um Recycling geht, ist von Rotation vor allem metaphorisch die Rede, wo es um die Müllstrudel der Weltmeere geht, ist die Kreisbewegung des Plastikmülls fotografisch abbildbare Wirklichkeit. Vom sprachlichen wie vom fotografischen Bild wird nahegelegt, sich dem Thema Recycling (einschließlich Non-Recycling oder Noncycling) kreisförmig zu nähern. Markus Jäger und Bernhard Schmitt haben dies getan. Ihre künstlerischen Materialversammlungen der relikte Serie (seit 2012) kreisen um eine planimetrische Mitte, die als Zentrum darüber hinaus semantisch leer bleibt. Mal sieht es nach einem trägen Sich-im-Kreis-Drehen der Gegenstände aus, mal scheint eine zentrifugal wirkende Kraft diese zu beschleunigen und am Rande der Kreisfläche bereits unterschiedlich weit vom Mittelpunkt weggetragen zu haben.
Über Up- und Downcycling
Recycling heißt im Grund nur, dass aus etwas Altem etwas Neues, aus etwas Verbrauchtem ein Noch-zu-Verbrauchendes, aus Müll beim Durchlaufen der dreistufigen Verwertungskaskade (Sammeln, Sortieren, Aufbereiten) wieder ein verkäufliches Produkt (in der Regel ein Zwischenprodukt) gemacht wird. Bei genauerem Hinsehen kann jedoch mindestens noch zwischen Upcycling und Downcycling unterschieden werden.
Macht man aus einer Flasche wieder eine Flasche, liegt ein Fall von Downcycling vor, da die Qualität des Glases unweigerlich gelitten haben wird. Es wäre eventuell besser gewesen, die Flasche zum Bau eines Hauses zu verwenden oder auch zur Herstellung (zum Schaffen) eines Kunstwerks. „Upcycling“ heißt hier der komplementäre Terminus, der eine Bewegung nach oben, das heißt eine Qualitätssteigerung suggeriert. Die gleichwohl festzustellende Minderung der Glasqualität spielt dabei keine Rolle, da das zum Haus- beziehungsweise Kunst-Bau verwendete Glas nicht mit anderen Glasarten, sondern mit anderen Bau- respektive Kunst-Stoffen zu vergleichen ist.
Zu untersuchen wäre, ob, wann und wo die Müllaufwertung (typischerweise als Papiermüllveredelung auf dem Wege des Kleidungs- oder Möbeldesigns) noch etwas anderes ist als eine Maßnahme zur Erhöhung des Aufmerksamkeitsindexes der Produkte. Mit angeblichem oder Pseudo-Upcycling ist der Welt (aber vor allem der Nachwelt) mittel- und langfristig nicht geholfen, sofern man als authentische Hilfe nur das gelten lassen will, was sich in einer messbaren Reduzierung oder Kompensation schädlicher Effekte niederschlägt.
Über Metacycling
Boris Groys stellte 2003 in seiner Topologie der Kunst fest, die Kunst sei unbestreitbar ein Wirtschaftszweig, daher sei das Kunstwerk „eine Ware wie jede andere“. Auch Recycling ist seit geraumer Zeit ein Wirtschaftszweig, in dem mit spezifischen Produkten und Dienstleistungen Umsätze und Gewinne gemacht werden. Markus Jägers und Bernhard Schmitts Recycling-Bilder-Waren-Produktion gehört in gewisser Weise nicht nur dem einen, sondern auch dem anderen Wirtschaftssektor an. Dass der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. (BDE) das Künstlerduo als Verbandsmitglied aufnehmen würde, darf allerdings bezweifelt werden. Denn die von Jäger&Schmitt praktizierte Form des Müllrecyclings findet zu hundert Prozent im Symbolraum der Kunst statt, die oben erwähnte Glasflasche würde beim Bau ihrer Werke also gar nicht stofflich real zum Tragen kommen.
Mit dem Hinweis auf den symbolischen Charakter des künstlerischen Endprodukts scheint man als artistischer Re- oder Upcycler peinlichen Fragen nach Qualitätsunterschieden und Energiebilanzen glücklich entronnen zu sein. Wenn der Wert-Stoff Kunst die irdischen Belange transzendiert (das Kunstwerk ist nach Adorno „das Andere der Empirie“ und umgekehrt die stoffliche Wirklichkeit das Andere der Kunst), können Probleme der qualitativen Auf- oder Abwertung im Bereich der Kunst nur metaphysischer Natur sein. Und auch ohne Adorno gelesen zu haben, werden nicht wenige Künstler vom ideellen (kulturellen) Maximalwert der Resultate ihres Schaffens überzeugt sein.
Doch ebenso wie das eigentlich nicht mit Geld zu Bezahlende auf diversen Kunstmärkten zu exakt feststellbaren Preisen die Besitzer wechselt, wird die physisch-empirische (nicht die metaphysisch geschönte) Ökobilanz des künstlerischen Tuns und Lassens (en gros und en détail) früher oder später einer Prüfung zu unterziehen sein. Marcel Duchamps Urinal wird einmal mehr besser wegkommen als der berühmt-berüchtigte Ölschinken, insbesondere dann, wenn dieser vor der Zeit der umweltfreundlichen Farben auf die mit fragwürdigen Verfahren hergestellte Leinwand gebracht worden ist. Die stoffliche Wirklichkeit als ihr Anderes wird die Kunst eines nicht mehr fernen Tages einholen und sie fragen, ob sie nicht eine Chance sehe, bei ihrem Negieren der Realität diese auch materialiter außen vor zu lassen oder doch wenigstens umweltschonender zu behandeln, als das bisher in manchen Fällen der Fall gewesen ist.
Eine Ökobilanz der Werke (Produkte) von Markus Jäger und Bernhard Schmitt hat deren primär digitalen und erst sekundär analogen oder haptischen Charakter in Rechnung zu stellen. Die Instrumente, mit denen sie geschaffen wurden, dienen daneben noch einer Reihe von anderen Zwecken. Ihre Verstofflichung oder Inkarnation ist nicht Bedingung ihrer Existenz, sondern vollzieht sich on demand oder on decision. Das macht, wenn man so will, ihren ökologischen Charme aus. Erst in der nicht-digitalen Phase ihrer Existenz jenseits des virtuellen Raums werden sie zu potentiellem Müll, für dessen ökopolitisch korrekte Entsorgbarkeit von vornherein Sorge zu tragen wäre.
MYTHENLESE „Mit ironischen Schlenkern erzählt Lothar Rumold von den Mythen um die griechische Götter- und Heldenwelt. Er erzählt sie nicht nach, er spielt mit ihnen, bringt sie manchmal sacht, manchmal mit einem Ruck in die Moderne.“ (Georg Patzer, Badisches Tagblatt)